Mit rund 700 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern und 18 Milliarden gesendeten Nachrichten pro Woche ist ChatGPT zu einer globalen Infrastruktur geworden. Doch jenseits der bloßen Nutzerzahlen blieb lange unklar, was genau diese Menschen eigentlich tun. Ein neues Working Paper („How People Use ChatGPT“), das Daten von Mai 2024 bis Juli 2025 auswertet, liefert nun die erste empirisch belastbare Antwort.
Die Ergebnisse überraschen und korrigieren gängige Narrative: ChatGPT ist weder primär ein Programmierassistent für die Tech-Elite noch ein virtueller Freund für Einsame. Stattdessen zeigt sich das Bild eines universellen Werkzeugs zur Informationsverarbeitung. Die Analyse identifiziert vier zentrale Muster, die den globalen Einsatz der KI dominieren.
1. Die „Großen Drei“: 80 Prozent der Nutzung
Der wohl wichtigste Befund der Studie ist die enorme Konzentration der Nutzung. Rund 80 Prozent aller Konversationen weltweit entfallen auf nur drei thematische Kategorien. Dies verdeutlicht, dass ChatGPT für die breite Masse primär ein pragmatisches „Werkzeug für den Kopf“ ist:
- Praktische Anleitung (Practical Guidance): Dies ist der größte Block. Nutzer suchen individualisierte Ratschläge, lassen sich komplexe Sachverhalte erklären oder nutzen die KI für Brainstorming und Ideengenerierung.
- Informationssuche (Seeking Information): Hier ersetzt oder ergänzt der Chatbot die klassische Suchmaschine. Es geht um das schnelle Auffinden spezifischer Fakten im Dialogformat.
- Schreiben (Writing): Die Unterstützung bei der Erstellung, Strukturierung und Veredelung von Texten.
2. Im Arbeitskontext regiert das Schreiben
Betrachtet man isoliert die arbeitsbezogene Nutzung, kristallisiert sich das Schreiben als die „Killer-Applikation“ der generativen KI heraus. Etwa 40 Prozent aller beruflich motivierten Nachrichten im Juni 2025 drehten sich um Textarbeit. Die Daten offenbaren hierbei ein interessantes Detail, das dem Klischee der „KI, die alles alleine schreibt“, widerspricht.
Zwei Drittel dieser Schreib-Aufgaben bestehen nicht darin, dass die KI einen Text from scratch generiert. Stattdessen nutzen Berufstätige ChatGPT, um vom Menschen bereitgestellte Texte zu überarbeiten, zusammenzufassen, zu übersetzen oder stilistisch zu glätten. Die KI fungiert im Arbeitsalltag also weniger als Autor, sondern vielmehr als Lektor und Redakteur, der die Effizienz in der täglichen Textproduktion steigert.
3. Informationsverarbeitung als Kernaktivität
Die Studie ordnete die Nachrichten den standardisierten Arbeitsaktivitäten des O*NET-Systems zu. Das Ergebnis ist eindeutig: ChatGPT ist ein Instrument zur Bewältigung von Informationsflut. Die drei häufigsten Aktivitäten, die zusammen fast die Hälfte der Nutzung ausmachen, sind:
- Getting Information: Das Beschaffen relevanter Daten.
- Interpreting Meaning: Das Verstehen und Einordnen von Informationen für andere.
- Documenting/Recording: Das Festhalten und Strukturieren von Wissen.
Besonders in wissensintensiven Berufen dient die KI als kognitiver Co-Pilot. Sie unterstützt Entscheidungsprozesse („Making Decisions and Solving Problems“), indem sie Informationen aufbereitet, statt physische Routineaufgaben zu automatisieren. Der Intent „Asking“ (Fragen/Verstehen) nimmt im Zeitverlauf zu und weist die höchste Nutzerzufriedenheit auf, was die Rolle als Wissensassistent unterstreicht.
4. Der Mythos von Coding und Sozialem Ersatz
Genauso aufschlussreich wie das, was die Menschen tun, ist das, was sie kaum tun. Die Daten rücken zwei weit verbreitete Medien-Narrative zurecht:
Erstens ist ChatGPT kein reines Tool für Softwareentwickler. Programmieraufgaben („Coding“) machen lediglich etwa 4 Prozent des gesamten Nachrichtenvolumens aus. Zwar ist dies in technischen Berufen höher, in der Gesamtbetrachtung jedoch eine Nische.
Zweitens bestätigen sich Dystopien, wonach KI menschliche Beziehungen ersetzt, in den Daten nicht. Die Nutzung für rein soziale Unterhaltungen, Rollenspiele oder als Partnerersatz liegt bei deutlich unter 3 Prozent. Die Menschen nutzen ChatGPT überwiegend funktional und zielgerichtet – sei es für die Arbeit oder für private Projekte –, aber kaum als emotionalen Ersatzpartner.
Fazit
Die empirische Realität von ChatGPT ist weniger Science-Fiction als vielmehr massive Produktivitätssteigerung in der täglichen Wissensarbeit. Die Welt nutzt das System primär, um Informationen zu bändigen und Texte zu verarbeiten. Es hat sich als eine universelle Schnittstelle für Wissen etabliert, die menschliche Fähigkeiten im Bereich Schreiben und Entscheiden ergänzt, statt sie durch autonome Handlungen oder simulierte Gefühle zu ersetzen.